Berlin fehlt vor allem der Meerblick
„Hier gibt es viel Platz zum Austoben“, sagt Benno Dopjans.

In der JadeBay hat digitale Kultur einen Platz, um sich kreativ zu entwickeln „Hier gibt es viel Platz zum Austoben“, sagt Benno Dopjans: Jugendstil-Häuser mit Tafelparkett und Etagenwohnungen, deren Vermieter sich freuen wenn man kommt.

Anstatt einen mit vierzig anderen Interessierten durch völlig überteuerte eineinhalb Zimmer zu scheuchen. Große Schaufenster ehemaliger Kaufmannsläden und Apotheken, die auf neues Leben warten. Beeindruckende Klinkerbauten, von Architekten aus der Hauptstadt um die Jahrhundertwende geplant und gebaut – weil der Kaiser Arbeiter, Angestellte und Beamte durch das Versprühen von Großstadtflair für einen Umzug begeistern wollte.

Dopjans sitzt vor einem Ladenlokal. Ein Café? Oder ist es eine Bar? Passanten gucken immer wieder interessiert durch die großen Schaufenster hinein. Dopjans grüßt jedes Mal freundlich. „Unsere Suedlounge ist ein Treffpunkt für kreative Leute“, beschreibt er das Konzept. Im Internet wird die Suedlounge als Coworking-Space vorgestellt: „Zu uns kommen ganz unterschiedliche Leute aus allen kreativen Disziplinen, um gemeinsam in einem Büro zu arbeiten.“

Blogger, Grafikdesigner, Journalisten, Texter, Musiker, PRler, Schneider – die Liste der unterschiedlichen Professionen, die hier zusammen kommen, ließe sich beliebig verlängern. Coworking bedeutet aber mehr, als sich nur ein Büro zu teilen. Denn Kreativität entsteht am besten in der Gruppe. Auch wenn jeder der Coworker viel Zeit vor dem obligatorischen MacBook verbringt, ist der Austausch mit anderen Kreativen sehr wichtig.

 

„Gemeinsam entstehen nun mal die besten Ideen“, sagt Dopjans. Außerdem können größere Aufträge bearbeitet werden, wenn der passende Texter direkt neben dem Grafikdesigner sitzt und man sich kennt. Dreißig Prozent mehr verdienen „Coworker“ so im Vergleich zu ihren Kollegen, die von ihrer eigenen Wohnung aus arbeiten. Wenn der Weg zur Arbeit vom Schlafzimmer über einen kurzen Umweg über die Küche ins Arbeitszimmer führt, bleibt eben nicht viel Raum für Inspiration und kreative Ideen.

 

Die Suedlounge ist die Keimzelle der Digitalen Kultur der Stadt. Von hier aus werden auch Kunstprojekte geplant und umgesetzt. Einige der Kreativen, die hier arbeiten, gründeten 2014 den kulturellen Verein Neue Botschaft Sued e. V., der verschiedene Kulturprojekte ins Leben rief. So zum Beispiel die Suedbar, ein Kunstprojekt, das 2014 zwei Monate lang in einem gerade leergeräumten Möbelhaus mitten in der Stadt stattfand und in diesem Jahr bereits in die zweite Runde gegangen ist. Erste Ansprechpartnerin hier ist Rabea Determann, die mit Hilfe der Vereinsmitglieder sämtliche Projekte und Veranstaltungen federführend mit ganz viel Herzblut, Ideen, und Engagement plant und umsetzt.

Jugendstilhäuser, günstige Mieten, viel Platz zum Austoben, digitale Kultur, gemeinsames Arbeiten in Café-Atmosphäre. Auf den ersten Blick wird hier eine Szene in Berlin Kreuzberg oder Mitte beschrieben. Das wäre vor fünfzehn Jahren vielleicht auch so gewesen. Aber die Plätze dort sind besetzt. Das Fell ist verteilt. Die Mieten steigen rasant, und die Kreativen verlassen die von ihnen selbst angesagt gemachten Viertel, weil sie sie sich nicht mehr leisten können oder wollen.

„Social Media Strategist“ steht auf Dopjans Visitenkarte. Nach dem Studium in Leipzig und Spanien kam er zurück in seine Heimatstadt. Eigentlich wollte er sich hier nur ein halbes Jahr sammeln, um dann die nächste Etappe in Angriff zu nehmen und kreativ in anderen Städten zu arbeiten. „Irgendwie bin ich dann hier hängengeblieben“, erzählt er. Die kreative Szene war klein, hatte aber gute Voraussetzungen. „Hier ist viel Platz für Neues. In anderen Städten stellen sich Kreative aus Platzmangel ihren Plotter für große Drucke ins Wohnzimmer. Hier bekomme ich eine Fabrikhalle, wenn ich möchte.“

„In Berlin war ich auch ein halbes Jahr“, sagt Dopjans, aber heute rücken andere Städte in den Fokus. Geboren ist er in Wilhelmshaven und genau hier will er die Digitale Kultur voranbringen...u. a. eben mit der Suedlounge, um deren Belange sich inzwischen vollumfassend Rabea Determann kümmert. Das Lokal liegt in der Südstadt, einem der ältesten Stadtteile. Hier ist die Bausubstanz wie gemacht für junge Kreative, die gestalten wollen. Außerdem ist man in zehn Minuten am Bahnhof und das Wasser liegt nur eine paar Häuserzeilen hinter dem Ladenlokal.

Digitale Kultur entwickelt sich auch in den großen Städten gerade erst. Ganz anders als die Szenekultur mit ihren Bars, Konzerten und Clubs, die sich entweder etabliert hat oder nicht. Digitale Kultur bedeutet auch digitale Wirtschaft. „Mit der Betonung auf Wirtschaft“, das ist Dopjans wichtig. Ein Wirtschaftszweig, der zu den zehn größten in Deutschland zählt.

Gut ausgebildete, junge Leute brauchen ein kreatives Umfeld. Auch wenn sie selbst Banker, Versicherungsleute oder Ingenieure sind. „Die kommen nur, wenn sie sehen, dass hier was geht“, sagt er. „Das Geld was ich für Fahrten nach Berlin eingeplant habe, um dort zu arbeiten, versuche ich jetzt hier auszugeben.“ Er ist sich sicher, in der Stadt etwas zu bewegen und meint zum Abschied noch: „Man muss eine Vision entwickeln, wenn man hier was macht.“ Und dafür braucht man eben viel Platz zum Austoben.

 

Drei Fragen – drei Antworten

Benno Dopjans kam zurück in seine Heimatstadt und schaffte sich und den anderen Kreativen der Stadt eine Keimzelle für ihren digitalen Aufbruch. Die Suedlounge ist Ausdruck einer neuen Art des Arbeitens und eines anderen Verständnisses von öffentlichem und privatem Raum.

jade-bay.de: „Was ist die Suedlounge für Sie? Ein Café oder doch ein Büro?“

Benno Dopjans: „Manchmal kommen Leute ins Lokal und fragen. Aber nein, wir sind kein Café – auch wenn’s hier guten Kaffee gibt. Die Suedlounge ist in erster Linie ein Treffpunkt für kreative Arbeiter, für Freiberufler, die nicht alleine zu Hause arbeiten wollen.

jade-bay.de: „Was für ein Projekt haben Sie im Sommer 2014 unter dem Titel ‚Suedbar’ realisiert?“

Benno Dopjans: „Im Stadtzentrum stand ein ehemaliges Möbelhaus mit riesigen Flächen frei. Die Flächen wollten wir für unser schöpferisches Potenzial nutzen und haben dem Besitzer des Gebäudes und der Wirtschaftsförderung der Stadt ein kulturelles Konzept zur Nutzung der Flächen vorgestellt. Im Sommer dann haben wird dort zwei Monate ganz verschiedene Kunstprojekte veranstaltet, kräftig die Werbetrommel gerührt und die ganze Stadt eingeladen.“

jade-bay.de: „Warum Wilhelmshaven und nicht doch Hamburg oder Berlin?“

Benno Dopjans: „Hier habe ich Platz und die Chance, ganz, ganz viel selbst zu gestalten und die Stadt nach meinen Vorstellungen mit zu entwickeln. Das war mir bei meiner Entscheidung wichtig. In Hamburg oder Berlin scheitert es oft schon an einer bezahlbaren Wohnung – hier kann ich mir sogar mein Büro aussuchen."

 

Fakten zur Suedlounge

  • Die Suedlounge wurde 2013 in Wilhelmshaven, in der Südstadt von Benno Dopjans und Rabea Determann eröffnet.
  • Die Suedlounge ist ein Co-Working-Space. Dabei mietet man einen Arbeitsplatz in einem Büro tage-, wochen- oder monatsweise. 
  • Die Suedlounge versteht sich als Treffpunkt für kreative Leute und wird heute ausschließlich und alleinverantwortlich in Zusammenarbeit mit einigen von ihnen, die sich im Verein Neue Botschaft Sued e. V. zusammengeschlossen haben, von Rabea Determann betreut. 
  • In der Suedlounge arbeiten vor allem freiberufliche Kreative aus den Bereichen Internet, Kommunikation und Kultur. 
  • Keimzelle des kulturellen Vereins Neue Botschaft Sued e. V., der kulturelle Angebote in der Stadt entwickelt, so z. B. das Projekt Suedbar.

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Fakten zu Benno Dopjans

  • in Wilhelmshaven geboren 
  • studierte Kulturwissenschaften in Leipzip und Spanien 
  • arbeitete als Journalist bei Radio Jade
  • hat die Social Media-Kanäle des Senders aufgebaut
  • arbeitet heute als freier Journalist und PR-Berater
  • mietete mit der Kreativschaffenden Rabea Determann ein erstes Büro, das viel zu groß war....
    ....dort sammelten sich weitere Kreative und die Suedlounge entstand

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